Die Begegnung beginnt vor dem Auslösen

Über Aufmerksamkeit, Vertrauen und die Verantwortung hinter der Kamera.

GedankenHinter den Kulissen
Ruhiges Portrait von Kim in natürlichem Licht
Kim

Ein Porträt beginnt nicht mit der Kamera. Es beginnt in dem Augenblick, in dem zwei Menschen herausfinden, ob zwischen ihnen Vertrauen entstehen kann.

Manchmal beginnt ein Porträt mit einem Schweigen.

Nicht mit einem Schweigen, das gefüllt werden muss. Eher mit diesem kurzen Moment, in dem zwei Menschen einander wahrnehmen.

Noch bevor ich die Kamera hebe.

Ein Blick, eine Haltung, die Art, wie jemand den Raum betritt. Wir ordnen einander ein, lange bevor wir bewusst darüber nachdenken.

Auch ich tue das.

Vielleicht erinnert mich gerade die Fotografie immer wieder daran, wie vorsichtig ich mit diesem ersten Eindruck sein muss.

Denn jede Fotografie zeigt nicht nur einen Menschen.

Sie zeigt auch, wie dieser Mensch gesehen wurde.

Wo ich stehe. Wie nah ich komme. Welchen Augenblick ich auswähle. Wann ich auslöse und was ausserhalb des Bildes bleibt.

Das sind meine Entscheidungen.

Die Kamera trifft keine davon.

Darin liegt für mich eine Verantwortung.

Ein Mensch vor meiner Kamera stellt mir nicht einfach sein Aussehen zur Verfügung. Für einen Moment vertraut er mir auch die Wirkung seines Bildes an.

Aufmerksamkeit bedeutet für mich deshalb mehr, als genau hinzuschauen.

Es bedeutet, anwesend zu sein.

Und mein Gegenüber nicht zum Material für eine Idee zu machen.

Menschen öffnen sich selten, weil eine Pose besonders gut erklärt wurde. Etwas verändert sich eher dann, wenn die Anstrengung nachlässt, wirken zu müssen.

Die Schultern werden ruhiger. Ein Blick verändert sich. Ein Gespräch findet seinen eigenen Rhythmus.

Solche Momente lassen sich nicht erzwingen.

Die Stille zwischen zwei Bildern

Natürlich gebe ich während eines Shootings Hinweise.

Eine kleine Drehung. Eine Veränderung im Licht. Manchmal eine klare Haltung.

Aber die Bilder, die mich später beschäftigen, entstehen erstaunlich oft dazwischen.

Wenn das Gespräch innehält.

Wenn jemand kurz nachdenkt.

Wenn ein Lachen nicht geplant war.

Oder wenn für einen Augenblick weniger wichtig wird, dass überhaupt fotografiert wird.

Ich kann solche Augenblicke nicht herstellen.

Ich kann nur versuchen, einen Raum zu schaffen, in dem sie möglich werden – und aufmerksam genug sein, sie nicht zu übergehen.

Auch Stille gehört für mich zu diesem Raum.

Ich muss sie nicht sofort mit einer neuen Anweisung füllen. Manchmal ist sie Unsicherheit, manchmal Konzentration, manchmal einfach Ruhe.

Und nicht jede Regung muss zu einem Bild werden.

Vielleicht gehört auch das zur Verantwortung hinter der Kamera.

Was meine Farbenfehlsichtigkeit mit meinem Blick macht

Ich lebe mit einer Farbenfehlsichtigkeit.

Lange habe ich sie vor allem als Einschränkung verstanden. Gerade in der Fotografie scheint das zunächst ziemlich naheliegend.

Heute frage ich mich manchmal, ob sie meinen Blick auch mitgeprägt hat.

Weil Farbe für mich nie ganz selbstverständlich war, achte ich stark auf Licht und Übergänge. Auf Haltung und Abstand. Auf Hände. Auf kleine Veränderungen im Gesicht. Auf ein kurzes Zögern, bevor jemand antwortet.

Ich weiss nicht, ob ich deshalb anders fotografiere.

Und ich möchte daraus auch keine besondere Fähigkeit machen.

Aber vielleicht hat mich die Unsicherheit gegenüber dem, was andere selbstverständlich sehen, gelehrt, genauer hinzuschauen.

Mich interessiert jedenfalls selten nur der spektakulärste Augenblick.

Oft sind es die leisen Veränderungen, die mich später beschäftigen.

Nicht weil sie mir zeigen würden, wer ein Mensch „wirklich“ ist.

Sondern weil in ihnen etwas von der Begegnung sichtbar wird, die während des Fotografierens stattgefunden hat.

Kameras werden schneller. Der Autofokus präziser. Die Bearbeitung leistungsfähiger.

Das eröffnet mir Möglichkeiten, die ich gerne nutze.

Aber keine Technik kann einem Menschen das Gefühl geben, willkommen zu sein. Kein Objektiv ersetzt ehrliches Interesse.

Vielleicht beginnt ein Porträt deshalb tatsächlich lange vor dem Auslösen.

Mit der Entscheidung, einem Menschen ohne Eile zu begegnen.

Die Kamera kommt danach.

Sie kann nicht festhalten, wer dieser Mensch wirklich ist.

Aber manchmal bleibt in einem Bild eine Spur davon zurück, wie zwei Menschen einander für einen Augenblick begegnet sind.