Ein Ort, an dem meine Bilder atmen können

DAS BAUEN EINER WEBSEITE UNTER HILFENAHME KÜNSTLICHER INTELLIGENZ

Hinter den Kulissen
KI-Genriertes Bild eines Tablets mit der Webseite www.farbvenblind.art auf einen Tablet. Rechts davon generierter Code.
KI-generiertes Titelbild nach der aktuellen Startseite. Tabletansicht und Code sind visuell rekonstruiert.

Ich wollte meine Fotografien nicht länger in eine vorgefertigte Form setzen. Mit KI entstand eine eigene Website – und eine Zusammenarbeit, in der ich lernen durfte, meinen gestalterischen Entscheidungen zu vertrauen, auch wenn ich den Code nicht selbst schreiben kann.

Auf der Startseite steht mein Gesicht neben den Worten «ICH SEHE DICH ANDERS». Ich habe lange überlegt, ob das zu direkt ist. Als Fotograf bin ich gewöhnlich derjenige hinter der Kamera. Jetzt schaue ich den Menschen entgegen, die meine Website öffnen. Auch daran merke ich, dass eine eigene Website mehr ist als eine Sammlung guter Bilder. Sie zeigt etwas davon, wie ich gesehen werden möchte und wie ich andere sehe.

Preintscreen der Startseite
Die tatsächliche Startseite von farbenblind.art. Screenshot vom 26. September 2026.

Meine frühere Seite hatte ich mit Wix aufgebaut. Das war eine gute Möglichkeit, anzufangen. Ich konnte Arbeiten veröffentlichen, Seiten ändern und mich um vieles selbst kümmern. Irgendwann reichte mir diese Freiheit nicht mehr. Ich hatte eine genauere Vorstellung davon, wie sich die Seite anfühlen sollte: Bilder mit Platz um sich herum, Bewegungen, die einen Blick weiterführen, und Übergänge, bei denen man nicht aus einer Arbeit herausgerissen wird. Ich wollte mich aus dem Baukastensystem lösen, mehr Kontrolle über die technische Grundlage gewinnen und das Hosting in die Schweiz verlegen.

Für diesen Schritt brauchte ich Hilfe. Ich konnte die Website, die ich mir vorstellte, nicht selbst programmieren – und fand in der Arbeit mit KI einen Weg, sie dennoch zu bauen. Wir begannen mit Beschreibungen, Entwürfen und Fragen. Ich zeigte Bilder, erklärte, was mich anzog und was mich störte. Auf Antworten folgten neue Entscheidungen, auf Entscheidungen sichtbare Veränderungen. Über viele Stunden hinweg wechselten sich Entwürfe, Rückfragen und Korrekturen ab. Oft wusste ich erst beim Ansehen einer Fassung genauer, was ich gemeint hatte.

Beim Fotografieren ist mir das vertraut. Ich beginne selten mit einem vollständig festgelegten Bild. Ich suche einen Ort, achte auf das Licht, spreche mit einem Menschen. Dann verschiebt sich etwas: eine Haltung, ein Abstand, vielleicht nur der Blick. Ich kann diese Begegnung vorbereiten, aber nicht herstellen wie ein Produkt. Wenn ich zu früh entscheide, was jemand darstellen soll, übersehe ich womöglich das Interessanteste. Für die Website wollte ich eine ähnliche Offenheit. Natürlich muss sie Orientierung geben. Man soll Arbeiten finden, einen Eindruck von mir bekommen und Kontakt aufnehmen können. Aber ich wollte auch, dass jemand einen Moment länger bei einem Gesicht bleibt. Dass ein Bild wirken darf, bevor das nächste um Aufmerksamkeit bittet. Meine Fotografien erzählen von Menschen, Nähe und manchmal von dem, was sich nicht sofort benennen lässt. Weshalb sollte ausgerechnet der Ort, an dem ich sie zeige, ungeduldig sein?

Screenshot Fotografen-Webseitenmenu von www.farbenblind.art
Das Menü verbindet die Arbeitsbereiche mit Fotografien. Screenshot vom 03. Oktober 2026.

Solche Wünsche sind schwer zu programmieren, weil sie zunächst keine technischen Anweisungen sind. «Gib dem Bild mehr Raum» kann viele Dinge bedeuten. «Der Seitenwechsel soll fliessen» sagt noch nichts darüber, wie lange er dauern darf, bevor er lästig wird. In den Gesprächen mit der KI musste ich lernen, genauer hinzusehen und genauer zu sprechen. Sie machte Vorschläge, brachte manchmal eine Möglichkeit ins Spiel, die ich nicht bedacht hatte, und setzte Vorstellungen in Code um, deren Umsetzung für mich vorher ausser Reichweite lag. Diese Fähigkeit hat mich beeindruckt. Ich konnte etwas beschreiben und kurze Zeit später prüfen, ob es auf einem Bildschirm trägt.

Eine Fassung der Seite fühlte sich bereits richtig an. Die Räume waren grosszügig, der Cursor hatte seinen eigenen Charakter, die Bildreihen bewegten sich auf eine Weise, die zu den Arbeiten passte. Ich hatte beschrieben, was wir daran bewahren und was wir noch verbessern sollten. Im nächsten Schritt waren ausgerechnet mehrere dieser Elemente verschwunden. Die Räume wirkten enger, der Cursor fehlte, die Bewegung der Bilder war verändert.

Ich war enttäuscht. Das Wort ist mir wichtig, weil es nicht bloss um Geschmack ging. Ein Ergebnis, das wir gemeinsam als gelungen erkannt hatten, schien bei der nächsten Bearbeitung keine verlässliche Grundlage mehr zu sein. Ich fragte mich, wie ich an etwas weiterarbeiten sollte, wenn das bereits Gefundene beim nächsten Schritt wieder verloren gehen konnte.

Zunächst wollte ich einfach zurück. Dann musste ich erklären, weshalb. Warum kann ein schmalerer Abstand eine ganze Seite unruhig machen? Wann ist eine Bewegung lebendig, wann drängt sie sich zwischen Mensch und Bild? Eine technische Antwort allein half mir dabei nicht. Ich musste mein eigenes Urteil ernst nehmen, auch wenn ich es nicht sofort in Pixeln oder Sekunden ausdrücken konnte. Die Enttäuschung war unangenehm, aber sie machte sichtbar, worüber ich zuvor nur ein Gefühl gehabt hatte.

Das gehört für mich zur ehrlichen Geschichte dieser Website. KI konnte mir Arbeit abnehmen, die ich selbst nicht beherrsche. Sie konnte Ideen entwickeln und schnell Varianten zeigen. Sie wusste aber nicht von sich aus, welche frühere Entscheidung für mich verbindlich war oder weshalb mich der Verlust eines scheinbar kleinen Details traf. Ich musste widersprechen, den Zusammenhang wiederherstellen und erneut prüfen. Auch meine Anweisungen waren nicht immer vollkommen. Manchmal wurde mir erst an einer misslungenen Version klar, was ich genauer hätte sagen müssen.

Ein Bild soll wirken dürfen, bevor das nächste um Aufmerksamkeit bittet

Iwan Studer

Seitdem denke ich anders über die Frage nach, wer diese Website gemacht hat. Die Bilder stammen aus meiner fotografischen Arbeit. Die Haltung, die Auswahl und viele gestalterische Entscheidungen sind meine. Zugleich wäre es unaufrichtig, die technische und gedankliche Arbeit der KI zu verschweigen. Sie hat mitentwickelt und sehr viel programmiert. Ihre Vorschläge haben meine eigenen Gedanken an manchen Stellen verändert. Ich sehe darin keinen Makel. Mich interessiert, ob ich für das Ergebnis einstehen kann – und ob ich sagen kann, wie es entstanden ist.

Auch mein Wunsch nach Kontrolle ist dadurch konkreter geworden. Die Abkehr vom Baukasten gibt mir mehr Möglichkeiten und mehr Verantwortung. Eine eigene technische Grundlage muss gepflegt werden. Bilder müssen sinnvoll eingebunden sein, Seiten auf dem Telefon funktionieren, Inhalte auffindbar bleiben. Ich möchte diese Entscheidungen verstehen und beeinflussen können. Schweizer Hosting bedeutet allerdings nicht, dass jede digitale Spur meiner Arbeit automatisch in der Schweiz bleibt. Gerade bei der Nutzung von KI lohnt es sich, diese Dinge sauber auseinanderzuhalten.

Heute ist die neue Seite online. Wenn ich sie öffne, sehe ich noch Stellen, über die ich nachdenke. Wahrscheinlich wird das so bleiben. Ich hoffe sogar, dass sie sich weiterentwickeln darf, während meine Arbeit sich verändert. Was ich mir wünsche, ist kein Eindruck technischer Perfektion. Ich möchte, dass jemand meine Bilder ansehen kann, ohne ständig weitergeschoben zu werden. Dass zwischen zwei Arbeiten ein wenig Raum bleibt für eine eigene Frage.

Vielleicht ist das die Verbindung zwischen dieser Website und meiner Fotografie. Ich versuche, einen Menschen nicht zu früh festzulegen. Ein Bild braucht dafür Aufmerksamkeit, manchmal Geduld und oft das Vertrauen, dass nicht alles sofort erklärt werden muss. Einen solchen Ort für meine Bilder zu bauen, war anspruchsvoller, als ich erwartet hatte. Gerade deshalb erkenne ich mich heute darin wieder.