Listen - Zuhören

Über das Zuhören, die Verletzlichkeit und einen Moment, in dem ich wusste, warum ich Geschichten erzählen möchte.

BegegnungenGeschichtenGedankenHinter den Kulissen
Blinde Frau am Piano
Lydia an ihrem Lieblingsflügel

Die Musik war für Lydia Mel weit mehr als eine Leidenschaft. Als eine Verletzung ihr Leben als Pianistin grundlegend veränderte, begann eine persönliche Suche nach einer neuen musikalischen Stimme. Für ihr Projekt LISTEN durfte ich sie interviewen. Aus einem sorgfältig vorbereiteten Gespräch wurde eine berührende Begegnung, die mir zeigte, wie viel entstehen kann, wenn wir einem Menschen wirklich zuhören.

Vor der ersten Frage

Ich war angespannt. Die Verantwortung für die Produktion lag bei mir. Ich hatte das Konzept entwickelt, mich mit Lydias Geschichte auseinandergesetzt, den dramaturgischen Aufbau erarbeitet und das Interview vorbereitet. Ein Film entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Menschen. Licht, Kamera, Ton und Regie müssen ineinandergreifen. Vor Ort werden Entscheidungen getroffen, Einstellungen angepasst und Lösungen gefunden. Auch bei dieser Produktion war das so.

Ich wusste, dass wir gut vorbereitet waren. Trotzdem blieb diese Anspannung, die ich vor anspruchsvollen Produktionen kenne. Denn bei aller Planung gibt es etwas, das sich nicht vorbereiten lässt: den Menschen, der einem gegenübersitzt. Ich konnte Fragen formulieren und mir überlegen, wie sich Lydias Geschichte entwickeln könnte. Aber ich konnte nicht wissen, was im Gespräch tatsächlich geschehen würde.

Und genau darin liegt für mich der Reiz dieser Arbeit.

Als das Gespräch begann

Mit den ersten Fragen veränderte sich etwas. Die Anspannung trat in den Hintergrund. Ich war konzentriert, aufmerksam und fühlte mich vollkommen in meinem Element. Ich musste keine Rolle spielen. Ich musste nichts beweisen.

Ich hörte zu.

Lydia erzählte von ihrer frühen Verbindung zur Musik. Davon, wie sie Erlebnisse und Gefühle schon als Jugendliche in Songs verarbeitete. Musik war für sie ein vertrauter Ort, ein Raum, in dem sie ausdrücken konnte, was sie beschäftigte. Dann erzählte sie von dem Unfall, der ihr Leben veränderte. Eine Verletzung an ihrer rechten Hand und die daraus entstandenen gesundheitlichen Folgen machten es ihr unmöglich, weiterhin so Klavier zu spielen, wie sie es gewohnt war. Was bedeutet ein solcher Verlust für einen Menschen, dessen Leben so eng mit der Musik verbunden ist? Während Lydia davon sprach, wurde spürbar, dass es nicht allein um eine körperliche Einschränkung ging. Es ging um Abschied. Um die Vorstellung von einem Leben, das so nicht mehr möglich war. Und um die schwierige Suche nach einem neuen Weg.

Als die Worte nicht mehr reichten

Dann kam dieser Augenblick. Lydia kämpfte mit den Tränen. Ich stellte keine weitere Frage. Ich war ganz bei ihr, hörte zu und blieb still. Es gab nichts, was ich in diesem Moment hätte hinzufügen müssen. Ich erinnere mich, dass ich gleichzeitig eine grosse Ruhe empfand. Ich war präsent und wusste, dass wir einen wesentlichen Punkt ihrer Geschichte erreicht hatten. Als Filmemacher erkannte ich die Bedeutung dieses Augenblicks für unseren Film. Als Gesprächspartner war mir wichtiger, Lydia den Raum zu lassen, den sie gerade brauchte. Diese beiden Wahrnehmungen standen für mich nicht im Widerspruch. Ein gutes Interview entsteht nicht dadurch, dass man einen Menschen möglichst weit führt. Es entsteht, wenn man aufmerksam genug ist, um zu erkennen, wohin er selbst gehen möchte.

Ich glaube, dass gerade die Stille viel über eine Begegnung erzählen kann. Sie lässt einem Menschen die Freiheit, einen Gedanken zu Ende zu führen, nach Worten zu suchen oder einfach einen Augenblick bei sich zu bleiben. Zuhören bedeutet für mich auch, auszuhalten, dass gerade nichts gesagt werden muss.

Die Verantwortung hinter der Kamera

Wer einen Menschen interviewt, erhält einen besonderen Einblick in dessen Leben. Es ist ein Vertrauen, das man nicht einfordern kann. Die Kamera macht diese Begegnung zu etwas Öffentlichem. Ein persönlicher Gedanke, eine Erinnerung oder ein verletzlicher Augenblick wird festgehalten und später von Menschen gesehen, die bei diesem Gespräch nicht dabei waren. Daraus entsteht Verantwortung. Ich möchte Geschichten erzählen, die berühren. Aber ich möchte Menschen nicht auf ihre Verletzlichkeit reduzieren.

Lydias Geschichte handelt von einem schmerzhaften Verlust. Sie handelt ebenso von Kreativität, Beharrlichkeit und der Fähigkeit, sich neu zu entdecken. Beides gehört zu ihr. Für mich liegt die Qualität eines Portraits darin, einen Menschen nicht auf einen einzelnen Moment festzulegen. Das gilt für die Fotografie genauso wie für den Film. Ein Portrait soll Raum lassen für das, was sich nicht auf den ersten Blick erschliesst.

Eine Geschichte entsteht ein zweites Mal

Nach dem Dreh begann eine Arbeit, die mich noch einmal intensiv mit Lydia und ihrer Geschichte beschäftigte. Der Filmschnitt.

Gemeinsam mit dem Kameramann, Robin Baumann suchte ich nach einer Form, die dem Gespräch und seiner emotionalen Entwicklung gerecht wurde. Die Verantwortung für den endgültigen Schnitt lag bei mir. Das war anspruchsvoller, als ich zunächst erwartet hatte.

Lydia spricht in langen, zusammenhängenden Gedanken. Ihre Sätze gehen oft unmittelbar ineinander über. Was während eines Gesprächs vollkommen natürlich wirkt, wird im Schnitt zu einer besonderen Herausforderung. Wo lässt sich eine Passage kürzen, ohne einen Gedanken zu verfälschen? Welche Aussage braucht Raum? Und wie entsteht aus einem ausführlichen Gespräch eine Geschichte, die für das Publikum nachvollziehbar bleibt? Wir haben viel daran gearbeitet. Ich musste lernen, mich von einzelnen schönen Momenten zu lösen, wenn sie der Erzählung nicht dienten. Dabei wurde mir bewusst, dass der Schnitt eine Fortsetzung des Interviews ist. Ich hörte Lydia erneut zu. Dieses Mal mit der Möglichkeit, ihre Worte, ihre Pausen und ihre Gedanken in einen dramaturgischen Zusammenhang zu bringen. Das verlangt Entscheidungen. Und die Bereitschaft, die eigene Vorstellung einer Geschichte immer wieder an dem zu überprüfen, was der Mensch tatsächlich erzählt hat.

Being me

Frau vor blauem Hintergrund
Coverfoto von "being me" - Lydia Mel

Lydia hat mit LISTEN einen Weg gefunden, ihre Erfahrungen künstlerisch zu verarbeiten. Der Song Being Me steht für eine Entwicklung, die mich besonders berührt: die Suche nach einer eigenen Identität, wenn vertraute Gewissheiten verloren gehen. Aus der Pianistin wurde eine Sängerin. Ich möchte diesen Wandel nicht als einfache Erfolgsgeschichte erzählen. Ein Verlust verschwindet nicht dadurch, dass etwas Neues entsteht. Aber er muss auch nicht das letzte Wort haben. Vielleicht liegt darin eine der stärksten Aussagen ihrer Geschichte. Wir sind mehr als unsere Fähigkeiten. Mehr als unsere Leistungen und die Vorstellungen, die wir von unserem Leben entwickelt haben. Was uns ausmacht, lässt sich nicht vollständig durch das beschreiben, was wir tun.

Was bei mir geblieben ist

Ich denke gerne an diese Produktion zurück. Nicht, weil alles mühelos gewesen wäre. Die Vorbereitung war anspruchsvoll, die Verantwortung gross und die Arbeit am Schnitt zeitweise mühsam.

Aber während des Interviews erlebte ich etwas, das für mich eine besondere Bedeutung hat. Ich fühlte mich vollkommen am richtigen Ort. Ich konnte meine Erfahrung in der Gesprächsführung mit meiner Leidenschaft für Bilder, Film und Geschichten verbinden. Die sorgfältige Vorbereitung gab mir Sicherheit. Und diese Sicherheit ermöglichte es mir, während des Gesprächs ganz bei Lydia zu sein. Darauf bin ich stolz. Nicht auf ihre Tränen oder darauf, einen emotionalen Moment eingefangen zu haben. Sondern auf die Arbeit, die es möglich machte, dass ich in diesem Augenblick nicht an die Produktion denken musste. Ich konnte einfach zuhören. Lydia hat mir ihre Geschichte anvertraut.

Gemeinsam mit dem Team durfte ich daraus einen Film gestalten. Was ich aus dieser Begegnung mitnehme, reicht für mich über das fertige Werk hinaus. Ich möchte Menschen begegnen, sie verstehen und ihre Geschichten erzählen. Mit Bildern, mit Film und mit Gesprächen. Und ich möchte dabei nie vergessen, dass hinter jeder Geschichte zuerst ein Mensch steht.

Interview mit Lydia Mel zum Projekt "Listen"

Konzept, Interview, Produktionsleitung und Schnittverantwortung: Iwan Studer. Kamera, Regie während des Interviews und Postproduktion in Zusammenarbeit mit dem Filmteam Baumann Photography, Robin Baumann und Sira Pestrin, sowie Gaspare Gentile. - Vielen Dank euch allen =)