Was bleibt, wenn wir alles weglassen?

Über den Versuch, einen Menschen nicht auf das zu reduzieren, was zuerst sichtbar wird.

Gedanken
Portrait von Lydia mit leicht zurückgeneigtem Kopf und geschlossenen Augen
Lydia

Was bleibt von einem Menschen, wenn Zuschreibungen nicht länger bestimmen, wie wir ihn sehen? Diese Frage begleitet meine Fotografie – und jede Begegnung vor meiner Kamera.

Es gibt eine Frage, die mich seit einigen Jahren begleitet. Nicht nur als Fotograf, auch als Mensch:

Was bleibt, wenn wir alles weglassen, womit wir einen Menschen beschreiben?

Beruf. Herkunft. Geschlecht. Hautfarbe. Religion. Sexuelle Orientierung. Erfolge, Fehler und die Rollen, die jemand in seinem Leben übernimmt.

All das gehört zu einem Menschen. Es prägt Biografien, schafft Möglichkeiten oder begrenzt sie. Es beeinflusst, wie wir leben und wie wir von anderen gesehen werden.

Ich möchte diese Unterschiede nicht unsichtbar machen.

Aber ich frage mich, was geschieht, wenn sie nicht mehr bestimmen, was wir in einem Menschen zu erkennen glauben.

Beim Fotografieren begegnet mir diese Frage immer wieder.

Wenn jemand vor meiner Kamera steht, sehe auch ich zuerst das Offensichtliche. Ich ordne ein, nehme wahr, habe Erwartungen. Ich sehe durch meine Erfahrungen und meine eigenen blinden Flecken.

Aber ein erster Blick ist eben nur ein erster Blick.

Während eines Shootings verändert sich etwas. Wir sprechen, schweigen, suchen eine Haltung und verwerfen sie wieder. Manchmal wird gelacht. Manchmal entsteht eine Stille, die nicht unangenehm ist. Und mit der Zeit verlieren die Begriffe, mit denen wir Menschen einordnen, ein wenig an Gewicht.

Vor mir sitzt dann nicht eine Rolle oder eine Kategorie.

Da sitzt ein Mensch, den ich nicht vollständig kenne – und den auch ein Bild niemals vollständig erklären wird.

Vielleicht interessiert mich genau dieser Zwischenraum.

Der Moment, in dem jemand nicht mehr erfüllen muss, was andere in ihm sehen.

Dabei suche ich nicht nach einer vermeintlich „wahren“ Person hinter der Oberfläche. Ich glaube nicht, dass meine Kamera einen verborgenen Kern freilegen kann. Ein stiller Blick kann zu einem Menschen gehören. Ein Lachen ebenso. Eine bewusste Inszenierung auch.

Nichts davon ist allein die Wahrheit über ihn.

Unterschiede sehen

Menschen werden schnell auf etwas reduziert.

Auf ihr Geschlecht. Ihre Herkunft. Ihre Hautfarbe. Ihr Alter. Ihren Beruf. Einen Erfolg. Einen Fehler.

Oft geschieht das nicht einmal aus Ablehnung. Vielleicht ist es einfach unsere Art, die Welt verständlicher zu machen. Wir ordnen ein, weil Einordnung Orientierung gibt.

Schwierig wird es für mich dort, wo wir glauben, damit bereits genug zu wissen.

Ich möchte Unterschiede deshalb nicht übersehen. Das wäre weder ehrlich noch gerecht. Menschen bewegen sich unter sehr unterschiedlichen Bedingungen durch diese Welt. Erfahrungen, die für mich kaum eine Rolle spielen, können das Leben eines anderen Menschen wesentlich prägen.

Das anzuerkennen bedeutet für mich aber nicht, einen Menschen auf diese Erfahrung festzulegen.

Vielleicht hat auch meine Fotografie damit zu tun.

Mich interessieren die kleinen Widersprüche. Kraft und Unsicherheit. Nähe und Distanz. Ein Blick, der etwas zulässt, und ein anderer, der etwas für sich behält.

Nicht weil darin plötzlich der „wahre Mensch“ sichtbar würde.

Sondern weil ein Mensch mehr als eine einzige Geschichte gleichzeitig sein kann.

Vielleicht erklärt das auch etwas vom Namen farbenblind.art.

Nicht die Vorstellung, Unterschiede seien bedeutungslos.

Eher der Versuch, beim Offensichtlichen nicht stehenzubleiben.

Ich kann mit meiner Kamera nicht zeigen, wer ein Mensch wirklich ist.

Vielleicht kann ich aber aufmerksam genug sein, ihn nicht vorschnell festzulegen.

Und vielleicht bleibt am Ende genau das:

Keine fertige Erklärung.

Sondern die Begegnung mit einem Menschen, der immer mehr ist als das, was ein einzelnes Bild von ihm zeigen kann.