Vergebung · Kapitel I
Wo die Wut
enden darf

Als ich Maria begegne, möchte ich verstehen, was Vergebung für einen Menschen bedeutet, der tatsächlich etwas zu vergeben hat.
Ich merke schnell, dass die Frage einfacher ist als die Antwort.
Maria erzählt mir von einer Beziehung, die 22 Jahre dauerte. Von Liebe, einer gemeinsamen Tochter und davon, wie sich ein gemeinsames Leben langsam veränderte. Nicht in einem einzigen Moment. Eher so, dass Grenzen sich verschieben, Verantwortung wächst und man irgendwann feststellt, dass man dem eigenen Empfinden weniger vertraut als früher.
Von aussen scheint eine Frage nahezuliegen:
Warum bist du nicht früher gegangen?
Während ich Maria zuhöre, gefällt mir diese Frage immer weniger.
Sie wird aus der Zukunft gestellt. Mit dem Wissen darüber, wie die Geschichte ausgegangen ist. Aber Menschen leben nicht rückwärts. Sie leben einen Tag nach dem anderen. Mit ihrer Hoffnung, ihrer Angst, ihrer Liebe und dem, was sie in diesem Moment für möglich halten.
Maria ist irgendwann gegangen.
Vielleicht ist deshalb eine andere Frage gerechter:
Wie hast du es geschafft, irgendwann zu gehen?
Ich habe Vergebung lange als eine Form des Loslassens verstanden. Als Möglichkeit, sich von etwas zu lösen, das einen weiterhin an eine Verletzung bindet.
Maria macht diesen Gedanken schwieriger.
Denn sie ist noch wütend.
Besonders wenn es um ihre Tochter geht. Gleichzeitig sagt sie etwas, das bei mir hängen bleibt: Ob ihre Tochter ihrem Vater vergeben kann oder will, gehört allein ihrer Tochter. Maria kann das nicht für sie tun.
Ich frage mich, ob wir Vergebung manchmal zu schnell mit Versöhnung verwechseln.
Muss die Wut verschwinden, damit ein Mensch vergeben kann?
Muss etwas abgeschlossen sein?
Oder könnte Vergebung auch bedeuten, die Verantwortung für das Geschehene nicht länger selbst zu tragen?
Ein Gedanke aus unserem Gespräch bringt es für mich auf den Punkt:
Was du getan hast, bleibt bei dir.
Aber ich muss es nicht länger für dich tragen.

Später erzählt Maria von Botswana.
Sie sitzt während einer Fahrt ganz hinten im Fahrzeug. Vor ihr die anderen, vorne der Guide.
Und plötzlich ist da dieser Gedanke:
Der passt auf. Mir passiert nichts.
Dieser Satz bleibt bei mir.
Vielleicht gerade weil er so klein ist.
Da ist kein grosser Moment der Vergebung. Keine Aussprache. Kein endgültiger Frieden.
Da sitzt einfach ein Mensch hinten in einem Fahrzeug und merkt, dass jemand anderes aufpasst.
Maria muss für einen Augenblick nichts voraussehen. Nichts ordnen. Nichts verhindern.
Sie darf einfach dort sitzen.
Vielleicht ist es das, was ich in diesem Projekt suche.
Nicht den Moment, in dem ein Mensch sagen kann: Ich habe vergeben.
Sondern jene kleinen Verschiebungen, in denen etwas, das lange getragen wurde, ein wenig leichter wird.
Dann sagt Maria etwas, das unser Gespräch noch einmal verändert.
Schwieriger als einem anderen Menschen zu vergeben, sei es vielleicht, sich selbst zu vergeben.
Dass sie so lange geblieben ist. Dass sie irgendwann ihrem eigenen Instinkt nicht mehr vertraut hat.
Und wieder taucht diese Frage auf:
Warum hast du?
Ich könnte an dieser Stelle zu einem versöhnlichen Gedanken kommen. Dazu, dass Maria damals nur mit dem Wissen und den Möglichkeiten handeln konnte, die sie hatte.
Aber vielleicht würde ich ihr damit etwas abnehmen, das noch gar nicht abgeschlossen ist.
Sie ringt mit dieser Frage.
Also darf sie offenbleiben.

Auf meinem letzten Bild lacht Maria.
Ich mag dieses Bild gerade deshalb.
Nicht weil am Ende alles gut ist. Nicht als Zeichen dafür, dass sie ihre Vergangenheit überwunden oder jemandem endgültig vergeben hat.
Sondern weil ich beim Betrachten merke, wie leicht wir einen Menschen auf das reduzieren können, was ihm widerfahren ist.
Vor meiner Kamera steht aber nicht eine Geschichte über Verletzung oder Vergebung.
Da steht Maria.
Und vielleicht verstehe ich nach unserer Begegnung Vergebung ein wenig anders als zuvor.
Nicht unbedingt als Ende der Wut.
Vielleicht beginnt sie dort, wo das Geschehene Teil der eigenen Geschichte bleiben darf, ohne länger die ganze Geschichte zu bestimmen.